Zurück im Sattel – From dust to La Fortuna

Costa Rica ist, wie der Name bereits offenbart, „reich an Küste“. Meine ersten drei Wochen habe ich entlang der touristisch weitestgehend erschlossenen, westlichen Hälfte davon verbracht. Von der Karibikküste trennen mich etwa 400km und eine Bergkette, die Costa Rica in geografischer Hinsicht spaltet. Etwa in der Mitte davon, am Fuße des Vulkan Arenal befindet sich ein kleines Dorf namens La Fortuna. Der Reiseführer verspricht grüne Berglandschaft und tolle Abenteuer für Outdoorfans. Nach zwei Wochen in Tamarindo ein Szenenwechsel, der mir gerade recht ist – mein nächstes Ziel ist gefunden.

Um Hundehorden und schlechten Straßen weitestgehend auszuweichen, entscheide ich mich für die etwas weitere Route über Liberia. Als ich Tamarindo verlasse, wird der Verkehr zunächst leichter. Die Landschaft ist genauso abwechslungsreich wie hügelig, viele Bäume säumen die Straße und spenden Schatten.

Straße von Tamarindo in Richtung der Route 21

Nach etwa 35km erreiche ich die Abzweigung zur Route 21 in Richtung Liberia. Ab hier rollen wieder große Trucks und Buse mit mir in Richtung der ehemaligen Cowboystadt. Die Straße ist breit genug und die meisten Fahrer passieren mich in respektvollem Abstand. Etwa 15km vor Liberia wird der Asphalt plötzlich spürbar schlechter und verschwindet kurz darauf ganz. Ich finde mich auf einer mit Schlaglöcher gespickten Schotterpiste wieder und traue meinen Augen kaum, als ich wenige Kilometer später zu meiner Linken den Internationalen Flughafen von Liberia erspähe – nach der Hauptstadt San José das zweit größte Fracht- und Passagierdrehkreuz im Flugverkehr Costa Rica’s. Die Route 21 führt fast 150 km von Naranjo, über Nicoya in Richtung Festland und befindet sich in verhältnismäßig gutem Zustand. Dass sich die wichtigste Verkehrsachse der Nicoya Peninsula jedoch unmittelbar vor den beiden bedeutendsten Verkehrszielen der Region in eine Staubwolke auflöst, birgt mehr Ironie, als ich in diesem Moment verarbeiten kann. Eine eisgekühlte Orangenlimo von einem Straßenhändler spendet mir genügend Energie um die letzten Kilometer in der brütenden Mittagshitze hinter mich zu bringen.

Nach einer erfrischenden Dusche erkundige ich mich im Hostel nach den Straßen- und Verkehrsbedingungen entlang der Interamericana nach Cañas. Der Hausherr versichert mir, dass die Straße über Seitenstreifen und teilweise sogar Geh- beziehungsweise Radwege verfügt. Tatsächlich kann ich tagsdarauf etwa ein Viertel der knapp 50km auf diesen Wegen zurücklegen. Doch genauso plötzlich wie sie auftauchen, enden die Rad- und Gehwege wieder im Nichts. Und so bleibt mir nichts anderes über, als auf den etwa ein Meter breiten Seitenstreifen auszuweichen. Neben mir brausen auf zwei Spuren Trucks und Autos durch die eher flache und ereignisarme Landschaft.

Gehweg entlang der Interamericana

In den rund 2,5h passiere ich etwa ein Dutzend Schilder mit dem Hinweis „No bicicletas“, meist direkt vor oder nach Abschnitten mit Radwegen. Erneut überkommt mich die Ironie der Situation und ich scheitere bei dem Versuch, die Sinnhaftigkeit dieser Schilder zu begreifen. Mangels Alternativen strample ich mit gerunzelter Stirn weiter und versuche fortan die Abschnitte zwischen den Verkehrszeichen umso schneller zurückzulegen. Als ich in Cañas von der Interamericana abfahre, spüre ich, wie die Anspannung von mir abfällt. Ich gönne mir eine ausführliche Pause, bevor ich den 24km langen Anstieg nach Tilaran antrete.

Straße von Cañas nach Tilaran

Die verbleibenden etwa 400 Höhenmeter entpuppen sich als wahres Filetstück in Sachen Ausblick und Verkehrsbedingungen. Über mir blauer Himmel, unter mir eine frisch geteerte und leicht befahrene Straße, die mit angenehmen Steigungen durch eine saftig grüne Berglandschaft führt. Dennoch bin ich froh, als ich das kleine Dorf Tilaran am frühen Nachmittag erreiche und nach kurzer Suche ein günstiges Zimmer in einem lokalen Hotel ergattern kann.

Vor mir liegt eine letzte Etappe, die mich von Tilaran (557m ü.NN) rund um die „Laguna de Arenal“ nach La Fortuna (263m ü.NN) führt. Als ich das Ufer des Sees erreiche, bekomme ich einen Vorgeschmack auf das unbeständige Wetter der östlichen Hälfte Costa Rica’s. Zum ersten Mal radle ich durch Regen, der sich mal stärker, mal schwächer über mich ergießt und regelmäßig von Sonnenstrahlen unterbrochen wird. Landestypisch führt die Straße nicht unmittelbar am Ufer entlang, sondern windet sich um Täler, Dörfer und Gebirge. Nach etwa 35km entspanne ich Körper und Geist bei einem Cappuccino, einem Schokocroissant und ein paar deutschen Worten in Tom’s „German Bakery“. Getrocknet und gestärkt nehme ich die verbleibenden 40km in Angriff.

Radselfy mit der Laguna de Arenal im Hintergrund

Der stärker werdende Regen bringt auch tief hängende Wolken mit sich und verwehrt mir eine Sicht über den gesamten See. Bei der Ankunft in La Fortuna zeigt mein GPS in Summe 1.564m Anstieg an – im Verhältnis zur Höhendifferenz von knapp -300m ein typisch Costa Ricanisches Verhältnis.

Entlang der etwa 215km der letzten drei Tagesetappen haben sich die trockenen Staubwolken der Nicoya Peninsula und die drückende Hitze in eine grüne Berglandschaft mit Vulkanen und Seen verwandelt. An diesem Abend hole ich zum ersten Mal eine lange Hose aus meiner Packtasche und genieße eine warme Dusche.

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