Substantiv, feminin. Per Definition das Aufhören eines [Begeisterungs]rausches und gleichbedeutend mit dem Wort Desillusion. Ein Beispiel:
Tiefhängende Wolken und anhaltender Regen prägen meinen Aufenthalt in La Fortuna und verwehren mir bis zuletzt einen Blick auf den Vulkan Arenal. Das Stadtbild wird von unzähligen Tourbüros geprägt, welche die immer gleichen Ziplines, Wanderungen und Raftingtouren bewerben. Mit einem Blick auf die horenden Preise lege ich die Werbeflyer jedoch schnell zur Seite und entscheide mich für eine der wenigen kostenlosen Alternativen. Gemeinsam mit ein paar Bekanntschaften aus dem Hostel statte ich den etwa 12 km entfernten öffentlichen Hot Springs einen Besuch ab. Im Schein einer Kerze plantschen wir mehr als eine Stunde in dem Fluss mit Badewannentemperatur.


Die restliche Zeit verbringe ich damit, mir Gedanken über meinen Weg zur Grenze nach Panama zu machen. Nachdem ich in Reiseführern kaum Informationen über die nördliche Region zwischen La Fortuna und Puerto Limon in Costa Rica finde, beginne ich mich im Ort durchzufragen. Die Ergebnisse sind allerdings dürftig und stellen mich nicht zufrieden.
Auf http://www.warmshowers.com mache ich Alejandro ausfindig, der in einem lokalen Fahrradladen arbeitet. Er beantwortet meine zahlreichen Fragen geduldig und versichert mir, dass meine geplante Route problemlos befahrbar sei. Er behauptet sogar, dass ich einige Kilometer auf einem, im Bau befindlichen Highway ohne Autoverkehr fahren und so einen Umweg von etwa 40km vermeiden kann. Deutlich erleichtert stapfe ich zurück zum Hostel.
Zum Abschied öffnet der Himmel über La Fortuna am nächsten Morgen nochmals seine Pforten und übergießt mich mit Regen. Ich schwinge mich aufs Rad und rolle die ersten Meter bergab.
Auf der Straße herrscht wenig Verkehr, es ist Sonntag. Nach etwa einer Stunde erreiche ich den Beginn des besagten Highways. An einem kleinen Holzhäuschen mit Schranke steht ein alter Greis in gelber Regenmontur. Er ist ins Gespräch mit dem Fahrer eines wartenden Autos vertieft. Als ich näher komme, dreht er sich kurz zu mir und winkt mich mit einer lässigen Handbewegung durch. Kurz darauf befinde ich mich auf einer etwa 30 Meter breiten, frischgeteerten und für Autos gesperrten Straße. Nur einer der 6 Streckenposten, die ich insgesamt passiere, will mich anfangs nicht weiter radeln lassen. Zehn Minuten und ein paar Diskussionen mit seinen Kollegen später, ändert er jedoch seine Meinung und lässt mich gewähren. Mit einem Schnitt von 21 Kilometer pro Stunde rausche ich zu meinem Etappenziel Puerto Viejo de Sarapiqui (nicht zu verwechseln mit Puerto Viejo de Talamanca an der Karibikküste).

Von dort führt die Straße auf direktem Weg nach Puerto Limon an der Karibikküste und dann weiter nach Puerto Verjo de Talamanc. Bereits in La Fortuna wurde ich allerdings vor dem Verkehr auf dieser Straße und der Kriminalität in Puerto Limon gewarnt. Nach Angaben von warmshowers-Alejandro hingegen alles kein Problem. Etwas weniger optimistisch plane ich dennoch ab Guapiles, einer noch etwa 55km entfernten Stadt, einen Direktbus nach Puerto Viejo de Talamanca zu nehmen. Bis dorthin möchte ich zum Erstaunen der Dame an der Rezeption meines Hostels am nächsten Tag radeln – keine gute Idee wie sich wenig später herausstellt.
Nach gut 10km nimmt der Verkehr erheblich zu. Regelmäßig überholen mich jetzt große LKWs, die riesige Seefrachtcontainer in Richtung Puerto Limom transportieren. Die Straße befindet sich in gutem Zustand, ist jedoch schmal und bietet abgesehen von der Gegenspur keinerlei Ausweichmöglichkeit. Herannahender Gegenverkehr hält trotzdem die wenigsten Fahrer davon ab, sich zwischen Mittelstreifen und dem linken Ende meines Lenkers an mir vorbeizuquetschen – in Anbetracht der Fahrweise der Ticos aber nichts Ungewöhnliches. Als sich in meinem Rücken ein weiterer Truck mit ohrenbetäubendem Geknatter ankündigt, erblicke ich auf der Gegenspur drei entgegenkommende Autos. Der Straßenrand ist abschüssig, ich halte mich so weit rechts wie möglich. Im nächsten Augenblick erscheint zu meiner Linken eine Zugmaschine inklusive Auflieger, geladen mit einem Seefrachtcontainer der Firma „Maersk“. Als ich im Augenwinkel realisiere, dass der Abstand zwischen meinem Lenker und dem Zuggespann nur wenige Zentimeter beträgt, stockt mir der Atem. Ich umklammere die Griffe an meinem Lenker und Spanne jeden mir bekannten Muskel in meinem Körper an. In einem Affenzahn rauscht das Zuggespann an mir vorbei – glücklicherweise in gleichbleibenden Abstand. Der Anblick von Rücklichtern hat mich selten so erleichtert wie in diesem Moment.
Ich halte an, steige vom Rad und gebe ein lautes „Schei**“ von mir. Nach vier Wochen auf Costa Ricanischen Straßen bin ich einiges gewöhnt, doch so knapp war es noch nie.
Nach einer kurzen Verschnaufpause versuche ich mit mulmigem Gefühl noch mal mein Glück. Doch ich fühle mich kein bisschen wohl und entscheide, nach Alternativen zu suchen.
Ein paar hundert Meter später erreiche ich eine Bushaltestelle. Ich stoppe und versuche in den nächsten Bus nach Guapiles zu kommen, der ist jedoch vollbesetzt und hat keinen Platz für ein Fahrrad. Mit meinen in Tamarindo erlernten Spanischkünsten, schaffe ich es am Straßenrand nach einem Pickup zu fragen. Eine hilfsbereite Dame kennt einen „Señor“, der einen Pickup besitzt und neben einer Autowerkstatt ein paar Meter weiter wohnt. Für schlappe 40€ bietet der Herr mit einem Lächeln auf dem Gesicht an, mich inklusive Gepäck die verbleibenden 22km nach Guapiles zu fahren. Ohne lange zu überlegen, schlage ich ein und hieve mein Fahrrad auf die Ladefläche. Eine knappe Stunde später setzt er mich am Ortseingang der Stadt ab. Ich suche mir ein günstiges Hotel und verbringe den Nachmittag damit, die Geschehnisse zu verdauen.

Am nächsten Morgen nehme ich wie geplant den Direktbus nach Puerto Viejo. Der Busfahrer stöhnt beim Anblick meines Rades kurz auf, öffnet dann aber eine der leeren Klappen und hilft mir alles zu verstauen. Nach dreieinhalb Stunden Fahrt erreichen wir Puerto Viejo. Im Hostel angekommen, stelle ich das Fahrrad zur Seite und schlüpfe in meine Badehose. Die gut 2km zum Strand gehe ich an diesem Tag zu Fuß.


Ein Gedanke zu “Ernüchterung, die”