Nach einem Monat in der „Zone Cafetera“ und einem kurzen Stopp-Over in Medellin, setzte ich meine Reise in Richtung Nordosten fort.
Eine Ladung Adrenalin in San Gil
Der Nachtbus, der mich nach San Gil bringt, bietet ein Level an Komfort, das das der meisten Fernbusse in Deutschland deutlich übersteigen dürfte. Jeder Sitz bietet einen persönlichen Bildschirm mit Entertainmentpaket, GPS-Positinsanzeige und Internetzugang. Außerdem gibt’s brauchbares Wifi, gemütliche Sitze und einen kleinen Snack mit Getränk beim Einsteigen. Ich schlafe mehr denn je zuvor in einem Nachtbus und erreiche mein Ziel am nächsten Morgen gut erholt. Das geschäftige Städtchen hat sich bei Reisenden besonders durch die zahlreichen Sportangebote einen Namen gemacht. Ich bin aus dem selben Grund hier und genehmige mir zum Einstieg den ersten Gleitschirmflug meines Lebens. Etwa eine halbe Stunde schwebe ich über dem „Chicamocha Canyon“, dem größten Tal Kolumbiens.
Gemeinsam mit ein paar anderen Reisenden aus dem Hostel unternehme ich am nächsten Tag einen Ausflug zu fünf natürlichen Badestellen entlang eines Bachlaufs in der Nähe von „Curiti“.
Das, ebenfalls unweit von San Gil gelegene Kolonialdorf „Barichara“ besichtige ich mit Olli aus Hamburg und zwei Andy’s aus England.
Andere Aktivitäten wie Bungee-Jumping oder Wildwasserrafting verkneife ich mir und investiere das übrige Geld lieber in eine Mountianbiketour mit den Colombian Bike Junkies. Die Ausfahrt entpuppt sich als absolutes Highlight: auf nagelneuen Mountainbikes brettern wir einen ganzen Tag durch unterschiedlichstes Terrain, gefolgt von einem Support-Fahrzeug und verpflegt vom besten Gringo-Restaurant der Stadt. Durch den Tag zieht sich eine äußerst angenehme „easy-riding-Atmosphäre“, die ich nach 1000 körperlich und geistig eher anstrengenden Kilometern auf dem Rad äußerst genieße.
Ein Besuch bei echten Indianern
Von San Gil fahre ich weiter nach Santa Marta an der Karibikküste. Als der Bus seine Tür öffnet, kommt mir ein Schwall warmer und feuchter Meeresluft entgegen. Die Außentemperatur beträgt um 8 Uhr morgens bereits 30°C. Im Hostel angekommen, kontaktiere ich meinen Kumpel Jan aus der oberbayerischen Heimat, der für zwei Wochen aus seiner Wahlheimat Ecuador nach Kolumbien gekommen ist. Tags darauf treffen wir uns in Rodadero, einem Vorort von Santa Marta. Jan arbeitet für die holländische Schokoladenfirma Original Beans und verantwortet dort den Kakaoeinkauf im Bereich Südamerika. In Kolumbien möchte er ein kürzlich gestartetes Projekt mit indigenen Einwohnern im Nationalpark Sierra Nevada besuchen und ich darf ihn dorthin begleiten. Ziel unseres Besuches ist, Film- und Bildmaterial zu sammeln, das den Ursprung der Schokolade und das Leben der Kakaobauern dem Endkunden näher bringt.
Während zwei Ausflügen verbringen wir insgesamt fünf Tage bei Stammesangehörigen der „Arhuaco“, einem von vier Indianerstämmen der Sierra Nevada. Jan hatte dafür bereits im Vorfeld die nötige Erlaubnis bei den geistlichen und politischen Stammesführern eingeholt. Obwohl wir mit lokalen Guides unterwegs sind, reagieren die Bewohner der Dörfer sehr schüchtern und zurückhaltend auf uns. Die Arhuacos lehnen bislang jegliche From des Tourismus ab, um Kultur und Natur zu schützen. Und so sind wir vermutlich einige der ersten Europäer, die diese Dörfer zu Gesicht bekommen.
Erst nachdem wir erklären, wozu unser Besuch dient, taut die Atmosphäre in einzelnen Fällen auf und wir kommen ins Gespräch mit den Bauern und ihren Familien. Die meisten von ihnen Leben in einfachen Verhältnissen, ohne fließend Wasser, Strom und Internet. Der Anbau und Verkauf von Kakao ist eine der Hauptverdienstquellen für die Arhuacos und bietet Dank der überdurchschnittlich hohen Ankaufpreise von Original Beans, für die meisten von ihnen ein ausreichend großes Einkommen. Auch uns werden viele Fragen gestellt, deren Antworten in der Regel jedoch erstaunte Blicke verursachen. Dass Jan und ich beide im Alter von Mitte Zwanzig weder Familienväter noch verheiratet sind, erscheint in dieser Welt als Besonderheit. Auf die Frage nach unserer Herkunft, müssen wir in den meisten Fällen mit, in die Luft gemalten Weltkarten zunächst erklären, wo Europa und Deutschland überhaupt liegen. Spätestens der Zusatz, dass es dorthin keine Busverbindung, sondern nur Flüge mit etwa 10 Stunden Flugzeit git, verschlägt den meisten die Sprache.
Ich bin beeindruckt von der Zufriedenheit, die die Arhuacos in Hinblick auf ihre Lebensumstände ausstrahlen, aber dennoch froh, als ich zurück in Santa Marta wieder eine saubere Dusche und den Luxus einer Klimaanlage genießen kann. Außer zahlreichen Eindrücken, bringe ich allerdings auch eine Lebensmittelvergiftung mit zurück, dich mich noch drei weitere Wochen beschäftigen wird.
Update August 2017: Die Schokolade aus dem Kakao der Arhuacos gibt es mittlerweile hier zu kaufen! Außerdem ein kurzer Ausschnitt aus den Gesprächen, die wir mit Stammesangehörigen geführt haben:
Riohacha
Anfangs gehe ich von einer kleinen Magenverstimmung aus und reise weiter nach Minca einem kleinen Bergdorf nahe Santa Marta. Mein Zustand verbessert sich aber kaum und so mache ich mich auf den Weg nach Riohacha. Dort beschließe letztlich einen Arzt aufzusuchen. Ich verbringe einen Tag im Krankenhaus und werde mit Infusionen wieder aufgepäppelt. Ein Bluttest ergibt, dass es sich nicht um eine Infektion handelt, weshalb ich am Abend wieder zurück ins Hostel darf. Mit Medikamenten lässt sich mein Magen langsam wieder beruhigen und so begebe ich mich auf mein letztes Abenteuer: eine dreitätige Tour zum nördlichsten Punkt Südamerikas, dem „Punta Gallinas“.
In einem allradgetriebenen Jeep bahnen wir uns den Weg durch die Wüstenlandschaft „La Guajira“. Neben der Weite der Wüste und der drückenden Hitze bleiben mir aber vor allem die unzähligen Kinder in Erinnerung, die unseren Jeep mit Straßenblockaden stoppen. Mit Seilen und alten Fahrradketten versperren sie den Weg und verlangen Wegezoll in Form von Süßigkeiten. Nachdem wir bereits im Voraus wussten, was uns erwartet, spielen wir das Spiel geduldig mit und verteilen mitgebrachtes Brot, Kekse und Wasser. Doch mit jedem verschenkten Keks, wird der fade Beigeschmack größer. Kinder, die Straßen sperren, um Süßigkeiten zu bekommen, gehen weder zur Schule, noch lernen Sie wie Geben und Nehmen in einer intakten Welt funktioniert. Zurück im Hostel erfahren wir, dass dieses Problem auch in der Politik Gehör gefunden hat und während unserer Abwesenheit ein Gesetz erlassen wurde, das ab sofort das wahllose Verschenken von Lebensmitteln oder anderen Mitbringsel an Kinder in dieser Region verbietet.
Ein letztes Mal nach Medellin
Nach einer 18-stündigen Busfahrt erreiche ich zum dritten und letzten Mal Medellin. Es ist „Semana Santa“, die Südamerikanische Version der Karwoche. Mir bleiben sieben letzte Tage in Kolumbien, bevor ich mich zurück auf einen altbekannten Kontinent begeben werde. Mit einem Besuch der Comuna 13 und einer Rundfahrt in den berühmten Seilbahnen der Stadt, hake ich die letzten Must-Sees Medellin’s ab. Die Gegend in und um dieses Stadtviertel war einst eine der düstersten Ecken Medellin’s. Mit dem Bau von modernen Rolltreppen als innovatives Fortbewegungsmittel, gab die Stadt den Bewohnern jedoch ein Gefühl von „Beachtung“ zurück und leitete damit einen Wandel ein. Heute sind die Wände übersät mit künstlerischen Graffiti, Kinder spielen auf Spielplätzen und das Viertel gilt als Wahrzeichen des Wandels einer ganzen Stadt.
Den Rest der Zeit verbringe ich damit, mein Rad flugsicher zu verpacken und den nächsten Teil meiner Reise vorzubereiten. In den letzten Tagen vor meinem Weiterflug macht sich etwas Wehmut, doch vor allem Vorfreude breit. Trotz holprigem Anfang, habe ich die fünf Monate in Lateinamerika genossen. Doch ich möchte wieder auf’s Rad und dafür geht’s früher als gedacht zurück nach Europa. Next Stop: Spanien!

Ein Gedanke zu “89 Tage Kolumbien – Teil 2: Adrenalin, ein Besuch bei Indianern und der nördlichste Punkt Südamerikas”