Inzwischen hänge ich meiner Zeit gut vier Monate hinterher. Stellt euch vor, es ist April 2017…
Die Sonne scheint, der Himmel erstrahlt in einem wolkenlosen Blau und die Luft ist angenehm frisch. Medellin zeigt sich am Tag meiner Abreise noch ein Mal von seiner besten Seite. Meine Laune könnte kaum besser sein, ich freue mich auf das was kommt.
Next Stop: Barcelona!
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Am Check-in-Schalter herrscht an diesem Dienstagmorgen bereits reges Treiben. Menschen irren kopflos von Warteschlange zu Warteschlange, ignorieren gelassen alle Hinweisschilder und Anzeigen und belagern stattdessen das Airlinepersonal mit ihren wortreichen Fragen – nach fünf Monaten in Lateinamerika ein durchaus gewöhnliches Bild, das ich mit einem schmunzeln auf dem Gesicht beobachte.
Mein verpacktes Fahrrad kann ich bei Avianca als eins von zwei zulässigen Gepäckstücken ohne Aufpreis aufgeben. Das restliche Equipment findet in einem Rucksack und in meinem Handgepäck Platz – die leeren Packtaschen verstaue ich im Fahrradkarton. Als ich an der Passkontrolle meinen Reisepass vorzeige, muss der Grenzbeamte ganze drei Mal mit Hilfe seiner Finger nachzählen, um festzustellen, dass ich exakt 90 Tage zuvor nach Kolumbien eingereist bin. Mit einem anerkennenden Nicken drückt er den Ausreisestempel in meinen Pass und wünscht mir einen guten Flug.
Wenig später befinde ich mich bereits auf dem ersten Flug nach Bogotá, von wo aus ich nach zehn Stunden Zwischenstopp am Abend weiter nach Barcelona fliege. Nach insgesamt elfeinhalb Stunden Flug betrete ich am 19. April (lang lang ist’s her) wieder europäischen Boden. Auch mein Gepäck inklusive Fahrrad erreicht den heimischen Kontinent zeitgleich und unbeschadet.
Lang ersehntes Wiedersehen
Kurz nach mir landet auch meine Freundin Janika am Flughafen in Barcelona. Nach vier langen Monaten schließen wir uns erneut fernab der Heimat in die Arme. Wir verbringen gemeinsam vier Tage in der Stadt, dann muss Janika zurück nach Brüssel.
Ich bleibe noch drei weitere Tage und werde von Janika’s Freundin Iris und ihrem Freund Albert beherbergt. In der Zwischenzeit besorge ich eine Gaskartusche, einen Rückspiegel, Bremsbeläge sowie eine neue Kette und verpasse meinem Rad einen Rundum-Service. Nach einer Woche ist alles erledigt und ich bin startklar.
Es wird wieder gestrampelt
Gerade als ich mich von Iris und Albert verabschiede und die Packtaschen an meinem Rad befestige, ziehen Wolken auf und es beginnt zu regnen. Die beiden bieten mir an noch zu bleiben, doch ich will endlich in die Pedale treten. Also krame ich nach meiner Regenkleidung und verstaue die Sonnenbrille in der Lenkertasche. Dem Wetter entsprechend verpackt, rolle ich bei leichtem Regen und 12°C Lufttemperatur los – willkommen im europäischen Frühling.
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Von Barcelona starte ich in nordöstlicher Richtung entlang der Küstenstraße. In der ersten Nacht bin ich bei 4°C der einzige Camper auf dem Platz – die Saison hat hier noch nicht einmal begonnen. Auch am darauffolgenden Tag hört der Regen nicht auf und es wird noch kälter. Abends finde ich spontan Zuflucht bei Mike, einem Fotografen aus Belgien, den ich über Warmshowers kontaktiere. Mit getrockneten Klamotten schwinge ich am nächsten Morgen bei strahlendem Sonnenschein und blauem Himmel in den Sattel. Ich folge Mike’s Empfehlung und halte mich ab Palamós an den Pirinexus Radweg. Auf wenig befahrenen Wegen führt dieser Abschnitt der gut beschilderten Route, entlang der Costa Brava durch Katalonien.
In Castelló d‘ Empúries verlasse ich den Radweg und fahre weiter entlang der Küste zur französischen Grenze. Hier sind Radwege zwar Fehlanzeige, doch ich bevorzuge den konstanten Blick auf’s Wasser und die Küstenromantik. Am fünften Tag überquere ich die Grenze nach Frankreich und erfreue mich an der völlig verlassenen Grenzanlage (die Wahlen in Frankreich stehen kurz bevor und damit auch die Diskussion über europäischen Zusammenhalt und offene Grenzen #pulseofeurope).
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In Frankreich folge ich zunächst dem Eurovelo 8 Radweg entlang der Mittelmeerküste und genieße Rotwein, Baguettes, Käse und Pains au Chocolat in rauen Mengen.
Nach einer Woche auf dem Rad lege ich in der Stadt Narbonne einen Ruhetag ein. Auf der Suche nach einem Waschsalon stoße ich auf diese Drive-In-Waschmaschinen von Carrefour, die in mir Assoziationen zu schlechten US-Krimis wecken, in denen Serienmörder so unbemerkt ihre Wäsche reinwaschen.

Tags darauf setze ich meine Fahrt in Richtung Bordeaux fort – von nun an entlang des Canal des 2 mers. Dieser Kanal verbindet durch den Zusammenschluss des Canal du Midi (Narbonne – Toulouse) und des Canal latéral à la Garonne (Toulouse – Bordeaux), das Mittelmeer mit dem Atlantik. Der gleichnamige Radweg Canal des 2 mers verläuft über ca. 500km entlang der Ufer dieser Kanäle.
Die erste Hälfte des Radwegs bis Toulouse (Canal du Midi) windet sich durch zahlreiche charmante Dörfchen, ist landschaftlich abwechslungsreich, gesäumt von unzähligen Schleusen und sowohl durch Radfahrer als auch Kanalboote stark befahren. Die Qualität des Radweges variiert auf diesem Abschnitt jedoch stark und reduziert sich teilweise auf matschige, zugewucherte Trampelpfade. Campingplätze gibt es hier in rauen Mengen und so finde ich allabendlich mühelos einen bezahlbaren Schlafplatz.
Hinter Toulouse wird der Radweg geradliniger, breiter und damit auch etwas eintöniger. Ich treffe weniger Radreisende und sehe weniger Boote, auch die Anzahl der Campingplätze nimmt ab. Doch ich finde problemlos Alternativen: ein mal schlage ich mein Zelt auf der Wiese vor einem kleinen Binnenhafen auf und verbringe den Abend mit einer vierköpfigen Familie aus Südafrika. Ein anderes mal bietet mir eine hilfsbereite Frau mit ausgebuchten Fremdenzimmern ihren Garten als Zeltplatz an. Dort leistet mir Anette aus Bremen Gesellschaft, die ebenfalls nach einem Schlafplatz sucht und sich mir spontan anschließt.
Nach 840 europäischen Kilometern erreiche ich Anfang Mai Bordeaux. Meine Beine sind müde, doch ich bin happy: die Entscheidung, meine Radreise an einem anderen Ort fortzusetzen war goldrichtig. Innerhalb weniger Tage habe ich hier in den Einfach-drauf-los-Modus gefunden, den ich mir gewünscht hatte. Ich weiß morgens nicht wo ich abends schlafe, wähle meine Routen nach Lust und Laune und genieße einfach das Unterwegssein.
To be continued…
