Es ist Mai 2017…
Nach ein paar Tagen in Bordeaux, entscheide ich mich den TGV-Turbo zu zünden und mit Zug und Bus nach Brüssel zu fahren. Dort macht meine Freundin Janika zu dieser Zeit ein Praktikum und ich möchte sie besuchen. Gegen Aufpreis findet mein Rad sowohl im TGV als auch im Flixbus im Gepäckbereich Platz. Bei einem Zwischenstopp in Paris lasse ich es mir nicht nehmen, das obligatorische Tour d’Eiffel Foto zu schießen.
In Brüssel bleibe ich drei Wochen und werde von Janika in die Untiefen der europäischen Innen- und Außenpolitik eingeführt. Außerdem feiern wir beim Prideday mit, genießen kostenlose Konzerte und Festivals in der Stadt und statten dem nahegelegenen Gent einen Besuch ab.
Und dann heißt es wieder ein mal Abschied nehmen. Ende Mai packe ich meine Taschen und schwinge mich auf’s Rad. Von Brüssel radle ich nach Antwerpen und von dort entlang der Radfernwege LF2 und LF9 über Ütrecht, Elborg und Zwolle nach Groningen.
Auf diesem Abschnitt wird mir bewusst, wie radfreundlich Straßenverkehr und Städte mit entsprechender Politik aussehen können. Das niederländische Radwegenetz dürfte der Traum eines jeden Radenthusiasten sein:
- Radwege sind grundsätzlich breit, gut gepflegt und quasi überall vorhanden
- In Städten sind Radwege farblich eindeutig markiert oder sogar durch Barrieren vom Autoverkehr getrennt/geschützt, Radwegparker sind dadurch quasi nicht existent
- Außerhalb von Städten verbinden sogenannte Knotenpunkte die ländlichen Regionen miteinander, die Orientierung ist dadurch kinderleicht
- Das ganze Land ist von gut ausgeschilderten Radfernwegen durchzogen, denen man selbst ohne Kartenmaterial wunderbar folgen kann
- Alle Knotenpunkte und Radwege sind zum Beispiel unter www.opencyclemap.org kartografiert
Von Groningen fahre ich über Leer und Oldenburg weiter nach Hamburg. Kurz nach Überqueren der deutschen Grenze sinkt die Qualität der Radwege schlagartig. Zu diesem Zeitpunkt überwiegt jedoch die Freude darüber, nach sieben Monaten im Ausland wieder zurück in Deutschland zu sein. Deutsche Supermärkte, deutsches Essen und deutsches Bier. In Hamburg treffe ich Olli wieder, den ich in Kolumbien kennengelernt hatte.
Von Hamburg geht es weiter über Lübeck nach Fehmarn. Dort setzte ich mit der Fähre nach Rødbyhavn in Dänemark über. Nachdem ich etwa zehn Kilometer auf dänischem Boden geradelt bin, lerne ich Bo von der Organisation Naturlandet Lolland-Falster kennen. Er ist mit seinem Helfer unterwegs, um die Radwege der Region zu inspizieren und Ideen zur Verbesserung des Angebots zu sammeln. Eine App mit Routen und Übernachtungsmöglichkeiten speziell für Radfahrer sei fast fertig, erzählt er mir, Ladestationen für E-Bikes inklusive Ruhebänke und kostenlosem WiFi entlang der Radwege aktuell in Planung. Erneut frage ich mich, warum Deutschland sich mit solchen Vorstößen so schwer tut, während unsere direkten Nachbarn scheinbar mühelos vormachen, wie es gehen könnte.
Über Guldborg und Rødvig fahre ich entlang der Nationalrouten 7 und 9 nach Kopenhagen. Seit meiner Rückkehr nach Europa war die Radhauptstadt mein erklärtes Ziel. Ende letzten Jahres erreichte Kopenhagen den Wendepunkt, an dem erstmals mehr Fahrräder als Autos in der Stadt unterwegs waren. Amsterdam hat diesen Punkt bereits in den 90er Jahren erreicht. Doch das Beispiel Kopenhagen zeigt, dass eine Transformation weg vom motorisierten Individualverkehr, hin zu umweltfreundlichem Stadtverkehr durchaus möglich ist. Ich bin begeistert von der Radkultur in der Stadt:
- Radwege wohin das Auge blickt, breit, gut gepflegt und deutlich gekennzeichnet
- Linksabbiegerspuren extra für Fahrradfahrer
- Handzeichen gehören wie selbstverständlich dazu, selbst zum Stehenbleiben wird die Hand senkrecht nach oben gehalten
- Ampeln für Radfahrer sind auf deren Geschwindigkeit abgestimmt, es gibt eine grüne Welle für Radfahrer
- An manchen Ampeln gibt es sogar Geländer, an denen man sich beim Warten abstützen kann ohne abzusteigen
- Zahlreiche Brücken wurden extra für Radfahrer gebaut und schlängeln sich teilweise hunderte Meter auf Stelzen durch die Stadt
- Und zu guter Letzt: man ist in der Regel umgeben von einem ganzen Radpulk und muss deshalb nie darum fürchten, wahrgenommen zu werden. Das macht Bock!
Sabrina, eine Freundesfreundin, die in Kopenhagen studiert, nimmt mich für ein Wochenende unter ihre Fittiche und zeigt mir die Stadt. Ich bin beeindruckt von den schönen Häusern, den horrenden Lebensmittelpreisen und den netten und gut aussehenden Menschen.
Aus der Ferne hatte ich noch davon geträumt, von Kopenhagen über die berühmte Öresundbrücke weiter nach Malmö mit dem Rad fahren zu können – vor Ort erfahre ich jedoch, dass das verboten ist. Und so bleibt mir nichts anderes übrig, als die etwa 20 Kilometer lange Brücke mit dem Zug zu überqueren. Mit Schweden erreiche ich das achte und letzte Land meiner Reise, wenn auch nur für zwei Tage. Ich radle nach Trelleborg und nehme dort eine Fähre, die mich über Nacht nach Rostock bringt. In der Warteschlange am Hafen treffe ich ein schwedisches Ehepaar, beide auf Rennrädern und mit je einem kleinen grünen Beutel am Lenker. Mit Blick auf ihr kleines Gepäck frage ich, ob sie übers Wochenende verreisen. Sie schmunzeln und verneinen. Sie wollen sechs Wochen unterwegs sein und bis ans Mittelmeer fahren – im Gepäck haben sie nur einen Satz Wechselklamotten, Kulturbeutel, eine Kreditkarte und ihre Reisepässe.
Ab Rostock folge ich dem Berlin-Kopenhagen-Radweg in umgekehrter Richtung. Dieser letzte Abschnitt meiner Radreise dürfte landschaftlich der wohl schönste von allen sein. Kilometer lang führen ruhige Fahrradstraßen durch Wälder und Wiesen – abends nächtige ich an den Ufern der Mecklenburgischen Seenplatte.
Ende Juni erreiche ich Berlin. Ich bleibe ein paar Tagen bei Freunden, bevor ich Anfang Juli die Heimreise antrete. Ein letztes Mal hebe ich mein Rad in einen Zug und fahre nach Rosenheim. Von dort strample ich die letzten 40 Kilometer nach Hause – begleitet von Mama und Papa.
Nach insgesamt acht Monaten bin ich wieder zu Hause. Unverletzt, gesund und zufrieden. Kein Überfall, kein Unfall, nichts geklaut. Auch wenn ich meine ursprünglichen Pläne ändern musste, bin ich rund um zufrieden mit dem Verlauf meiner Reise. Ich habe Spanisch gelernt, unzählige neue Freundschaften geschlossen, neue Länder und Kulturen kennengelernt, ein europäisches Identitätsgefühl entwickelt und geübt, mit unbequemen Situationen außerhalb meiner Komfortzone umzugehen. Und eins ist sicher: es war bestimmt nicht meine letzte Reise dieser Art.
Endgültiger Kilometerzählerstand: 3.500 km
